Was soll hier bleiben: Geld oder Kultur?

Geldbleibthier«Geld bleibt hier!». Dieser Slogan erfreut sich steigender Beliebtheit. Etwa für ein Ja zum Geldspielgesetz wurde damit geworben, um einen Abfluss von Geldern zu ausländischen Online-Casinos zu verhindern: «Geld bleibt hier!». Vor rund einem Jahr weibelte auch ein Komitee auf http://www.geldbleibthier.ch für das neue Energiegesetz: «Mit der Energiestrategie 2050 bleibt […] Geld in der Schweiz und wird hier in erneuerbare Energie investiert.», meinte damals Thomas Vellacott, CEO WWF Schweiz. Das Volk gab ihm recht.

«Geld bleibt hier». Unabhängig vom Thema scheint das Schlagwort also bei einer Mehrheit der Stimmbevölkerung zu verfangen. Das ist zwar nachvollziehbar, zugleich aber auch problematisch.

Verständlich ist die Zustimmung deshalb, weil mit dem Slogan in erster Linie die Sicherung des bestehenden Schweizer Wohlstandsniveaus assoziiert wird. Niemand möchte, dass es den Menschen hierzulande in Zukunft schlechter geht. Also müssten wir sicherstellen, dass unser Geld hier bleibt, damit wir morgen immer noch so ein wohlhabendes Land sind. So die (fehlgeleitete) Annahme.

Dem Ökonomen stellen sich bei solchen Argumenten alle Haare zu Berge. Er kommt sich dabei vor, wie ein Naturwissenschaftler, dem erzählt wird, dass es hoch oben auf den Bergen wesentlich wärmer sein müsse als unten, weil man der Sonne dort näher sei. Genauso absurd ist die Behauptung, dass wir unseren Wohlstand mit einer protektionistischen «Geld bleibt hier»-Politik sichern könnten.

Freihandel als Schlüssel zum Erfolg

Es ist keine neue Erkenntnis, dass wirtschaftliche Abschottung nicht zu Wohlstand, sondern im Gegenteil zu ärmlichen Verhältnissen führt. Schon vor über 200 Jahren stellte David Ricardo seine Theorie der komparativen Kostenvorteile auf. Er führte uns eindrücklich vor Augen, dass Arbeitsteilung und freier internationaler Handel allen Beteiligten Vorteile bringen, selbst jenen Ländern, die bei allen Gütern Kostennachteile haben.

Dass Ricardo nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis recht behielt, sehen wir am Rückgang der globalen Armut. Internationale, relativ freie Märkte haben laut Angaben der Weltbank seit 1990 mehr als einer Milliarde Menschen geholfen, der Armut zu entfliehen. Mussten im Jahr 1990 noch 37,1 Prozent der Weltbevölkerung mit weniger als 1.90 Dollar pro Tag auskommen, ist dieser Anteil heute auf unter 10 Prozent gesunken.

Auch den Menschen in Industrieländern kommen offene Märkte zugute: Gemäss dem Globalisierungsreport der Bertelsmann Stiftung sind die durchschnittlichen Einkommensgewinne pro Einwohner aufgrund der zunehmenden Globalisierung zwischen 1990 und 2014 stark angestiegen: in Frankreich um 650 Euro, in Italien um 780 Euro und in Deutschland um 1’130 Euro pro Jahr. Die Schweiz als relativ offenes Land verzeichnete pro Kopf sogar einen jährlichen Anstieg von 1’360 Euro.

Indem wir also tolerieren, dass Geld nicht hier bleiben muss, sondern durchaus auch im Ausland ausgegeben werden darf, können wir alle unseren Lebensstandard verbessern. Wir müssen heute weniger arbeiten, um das gleiche Einkommen zu erwirtschaften wie noch vor 30 Jahren.

Das Erfolgsrezept des Freihandels bedeutet im Grund genommen, dass man den Bürgern die freie Wahl lässt, wo und von wem sie ihre Produkte und Dienstleistungen beziehen. In einem Regime offener Märkte, in dem man nicht von der Politik gezwungen wird, seine Einkäufe im Inland zu tätigen, steht den Menschen eine wesentlich grössere Produktpalette zur Verfügung. Je grösser das Angebot, desto grösser ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass auf die eigenen Bedürfnisse und Präferenzen zugeschnittene Produkte bezogen werden können. Sei es, indem man das entsprechende Angebot wesentlich günstiger kriegt oder indem man aus komplett neuartigen Produkten auswählen kann, die im Inland nicht produziert werden – man denke hier etwa an Smartphones und Computer.

Andererseits intensiviert sich mit steigenden Wahlmöglichkeiten auch der Wettbewerb der Anbieter um die Gunst der Kunden, weil Unternehmen ihre Produkte überall hin exportieren dürfen. Die Unternehmen können sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, sondern sind ständig darum bemüht, die Qualität und die Preise ihrer Produkte zu verbessern, um nicht von der Konkurrenz überholt zu werden. Dieser freie Wettbewerb auf freien Märkten ist der elementare Pfeiler der Innovation und des Fortschritts.

Ganz anders in abgeschotteten Gebieten: Aufgrund der Fernhaltung ausländischer Konkurrenz durch hohe Zölle oder regulatorische Vorgaben müssen sich inländische Unternehmen keine grossen Sorgen machen. In der Folge wird die Wirtschaft immer träger. Innovation und Produktqualität lassen nach – zum Nachteil der Kunden versteht sich.

Ein weiterer Vorteil des Freihandels ist seine friedensstiftende Wirkung. Wenn alle voneinander abhängig sind, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit von Kriegen. Jene Länder, in die man exportieren möchte oder von denen man Produkte bezieht, will man bestimmt nicht in Schutt und Asche legen. Eine «Geld bleibt hier»-Politik bewirkt jedoch das Gegenteil. Um es in den Worten des Ökonomen Frédéric Bastiat zu formulieren: «Wenn Waren nicht Grenzen überqueren, dann werden es Soldaten tun.»

Was, wenn Geld nicht frei zirkulieren kann?

So verlockend der «Geld bleibt hier»-Slogan auch sein mag: Er widerspricht sämtlicher Theorie und Praxis. Ein kleines Gedankenexperiment dazu:

Wenn wir ernsthaft glauben, den Schweizer Wohlstand anzuheben oder zu sichern, indem wir Geldflüsse ins Ausland stoppen, dann sollte diese Annahme ja eigentlich auch für die Bevölkerung des Kantons Aargaus gültig sein, die ihren Wohlstand dann steigern könnte, wenn diese ihr Geld nur noch im eigenen Kanton ausgibt. Dasselbe gälte dann für die Bevölkerung jeder Gemeinde und letztlich auch für den Kreis der Familienangehörigen. Was, wenn jeder sein Geld nur noch bei sich behalten würde – ganz nach dem Motto «Geld bleibt hier»? Würden dann alle wundersam in wohlhabende Leute verwandelt? Wohl kaum.

Unser Wohlstand beruht letztlich auf der arbeitsteiligen Gesellschaft, wobei jeder das tut, was er am besten kann und seine Erzeugnisse jenen verkauft, die etwas anderes produziert haben. Dieser freie Austausch von Geld und Waren auf freien Märkten ist es, der jeder Gesellschaft zu Reichtum verhilft. Wer politisch erzwingen will, dass Geld nur in ausgewählten Kreisen zirkulieren darf, wird nicht annähernd einen Lebensstandard erreichen, wie wir uns heute gewohnt sind.

Anstatt einer «Geld bleibt hier»-Politik, sollten wir uns vielmehr auf ein «Kultur bleibt hier» einigen. Der Schweiz geht es heute deshalb so gut, weil sie während langer Zeit von einer Kultur der Freiheit, relativ offener Märkte und einer zurückhaltenden Regulierung und Besteuerung geprägt war. Auf diesen liberalen Ordnungsrahmen sollten wir uns zurückbesinnen, wenn wir wollen, dass es uns auch in Zukunft immer noch gut geht.

Olivier Kessler

Dieser Beitrag erschien in gekürzter Form in der „Schweiz am Wochenende“ vom 29.6.2018.

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