Ein weiteres Beispiel tatsachenverdrehender Berichterstattung

shutterstock_767237995Es ist bemerkenswert, wie viele Journalisten mit Halbwahrheiten arbeiten, wie sie Fakten verdrehen oder einfach weglassen, wenn sie nicht ins Bild passen. Während des gesamten No-Billag-Abstimmungskampfes erleben wir das leider immer und immer wieder. Man könnte ganze Bücher mit entsprechenden Vorfällen füllen. Das neuste Beispiel: Ein Beitrag in der BaZ über mich, in dem viele Halbwahrheiten und Unwahrheiten verbreitet werden. Aber alles der Reihe nach.

Wurden Fragen gestrichen?

Fakt ist: Ich habe mich mit den beiden Journalisten getroffen und habe mit ihnen ein mündliches Gespräch geführt. Anschliessend wird so ein Gespräch jeweils von den Journalisten verschriftlicht, was praktisch nie eins zu eins der mündlichen Version entspricht, weil sich mündliche und schriftliche Kommunikation doch wesentlich unterscheiden – etwa, weil im Letzteren Gestik und Mimik verborgen bleiben. Daher unterbreitet man diese verschriftlichte Form in der Regel auch dem Interviewten, damit er es noch gegenlesen, wenn nötig noch Anpassungen vornehmen und das Interview letztlich absegnen kann. Dies geschah auch nach dem Interview mit der BaZ. Und mit der vorliegenden Version war ich nicht gerade glücklich, nicht weil mir dort gewisse Fragen nicht passten, wie es der Artikel nun suggeriert, sondern weil ich mit der Formulierung der Antworten nicht zufrieden war und mir diese zu wenig verständlich und argumentativ noch zu wenig schlüssig erschienen.

Im Beitrag steht nun aber wörtlich: «Nicht nur die etwas pikanteren Passagen waren neu formuliert, er strich auch die Fragen zu seiner politischen Sozialisierung. Unserer Bitte, bei den Korrekturen möglichst den Umfang des Interviews zu respektieren, wurde auf diese eher ungewöhnliche Weise nachgekommen – und das Prinzip des Interviews gleich mitausgehebelt. Dabei kennt Kessler das Geschäft.» Es wird mir also unterstellt, ich hätte aus eigener Motivation gewisse Fragen streichen wollen, was in einem Interview natürlich ein No-Go ist, wie mir selbstverständlich bewusst ist. Doch das war nicht meine Idee. Am 6. Februar schickte mir BaZ-Journalist Michael Surber die erste Version des niedergeschriebenen Interviews und schrieb dazu:

«Wie abgemacht schicken wir Ihnen einen ersten Draft des Interviews. Es ist noch etwas zu lang, wir werden vermutlich noch eine bis zwei Fragen streichen müssen. Ich bitte Sie daher, bei Änderungen Ihrerseits möglichst den momentanen Umfang der Antworten beizubehalten.»

Es war also nicht mein Wunsch, gewisse Fragen zu streichen, sondern der Wunsch des Journalisten. Ich versuchte dieser Bitte nachzukommen und machte einen Vorschlag, wie man das Interview entsprechend kürzen könnte, worauf Surber mir am 15. Februar schrieb:

«Es ist völlig klar, dass wir diese Version nicht akzeptiert können. Sie entspricht überhaupt nicht dem Verlauf des Gesprächs, und es wurden ganze Fragen gestrichen, die ein zentraler Bestandteil des Gesprächs waren.»

Es ist hier anzumerken, dass auch die verschriftliche Version nicht den genauen Verlauf des Gesprächs festhielt und ja auch der Journalist selbst noch Dinge rausstreichen wollte (was dann eben sowieso nicht mehr dem Verlauf des Gesprächs entsprochen hätte). Um Missverständnisse zu vermeiden antwortete ich ihm noch am selben Tag mit folgender Mail:

Sehr geehrter Herr Surber,

 Gerne möchte ich an dieser Stelle noch einige Punkte betonen, die mir wichtig sind:

 Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir in gewissen Punkten entgegenkommen wollten und an einer fairen Plattform interessiert sind. Das weiss ich sehr zu schätzen.

 Was die schriftliche Fassung des Interviews betrifft, habe ich beim Lesen festgestellt, dass meine Argumente nicht so rübergekommen sind, wie ich mir das im persönlichen Gespräch gewünscht hätte. Daher hatte ich einiges umgeschrieben und ergänzt, so dass die Punkte klarer zum Ausdruck kommen und für die Leser besser nachvollziehbar sind. Es tut mir leid, wenn Sie vom Ausmass dieser Korrekturen überrascht gewesen sind.

 Weiter ist mir auch wichtig zu betonen, dass es mir nicht per se darum ging, gewisse Fragen aus dem Interview zu streichen. Diese Kürzungen habe ich lediglich als Vorschlag angebracht (ich bin davon ausgegangen, das Interview geht noch eins bis zweimal hin und her), weil ich in gewissen Antworten etwas länger ausholen musste und Sie mich gebeten hatten, Korrekturen im gleichen Umfang wie die ursprüngliche Version von Ihnen anzubringen. Diesem Anspruch versuchte ich gerecht zu werden. Selbstverständlich dürfen Sie mir alle Fragen stellen, die Sie möchten. Das ist Ihre journalistische Freiheit. Aber man kann nicht in zwei drei Sätzen erklären, weshalb Schulen so und nicht anders organisiert werden sollten, weshalb die Drogenpolitik umgestaltet werden sollte etc. Daher war es mir wichtig, diese Punkte sauber zu begründen, so dass es auch im geschriebenen Wort nachvollziehbar ist. Im persönlichen Gespräch hatte ich diesen Punkt ja auch explizit betont und es war mir wichtig, dass nicht einfach diverse Themen rein oberflächlich abgehandelt werden, ohne adäquate Begründung und Argumentation.

 Ich bin nach wie vor an der Veröffentlichung des Interviews interessiert, in welchem Sie mir selbstverständlich auch alle Fragen stellen dürfen, die Sie möchten. Ich bin auch bereit, an einem anderen Ort in meinen Antworten zu kürzen, wenn Sie darauf bestehen, sämtliche Fragen drinzulassen. Jedoch wäre ich froh, wenn ich auch entsprechend so antworten dürfte, wie mir das in der verschriftlichten Version richtig erscheint.

 Ich hoffe, ich konnte damit einige potenzielle Missverständnisse ausräumen und stehe weiterhin zur Verfügung, wenn dies auch in Ihrem Interesse wäre.

 Beste Grüsse

Olivier Kessler

Auf diese Mail erhielt ich keine Antwort mehr und wurde dann fünf Tage später mit dem veröffentlichten Beitrag überrascht.

Durfte das Interview nicht gedruckt werden?

Im BaZ-Artikel mit dem Titel «No Interview» stand: «Das Interview durfte schliesslich nicht gedruckt werden. Der E-Mail-Verkehr mit ihm versiegte.» Ehrlicher wäre gewesen, zu schreiben: «Wir haben ihm auf seine Email, in der er sich um eine Lösung bemühte, einfach nicht mehr geantwortet und unterstellen ihm jetzt, dass das alles seine Schuld ist.»

Ich habe den beiden Journalisten folglich nach der Publikation des Beitrags noch eine E-Mail geschrieben, in der ich meine Verwunderung zum Ausdruck brachte:

Sehr geehrter Herr Surber

Sehr geehrter Herr Hirter

Mit Erstaunen habe ich den heutigen Beitrag in der BaZ zur Kenntnis genommen.

Sie schreiben darin, dass der E-Mail-Verkehr mit mir «versiegt» sei. Ehrlicherweise hätten Sie ja schreiben können, dass Sie es waren, die mit dem Schreiben aufgehört haben, anstatt es so aussehen zu lassen, als wäre ich daran schuld.

Weiter hatte ich den Punkt mit den Fragen mehrmals in meiner letzten E-Mail an Sie erwähnt und betont, dass es mir nicht per se darum ging, Fragen wegzustreichen. Trotzdem haben Sie es nun so aussehen zu lassen, als sei ich es gewesen, der Fragen streichen wollte. Dabei haben Sie mir am 6. Februar selbst geschrieben: «Wie abgemacht schicken wir Ihnen einen ersten Draft des Interviews. Es ist noch etwas zu lang, wir werden vermutlich noch eine bis zwei Fragen streichen müssen.»

 Auch der Titel des Beitrags «No Interview» ist in diesem Sinne irreführend, zumal ich in meiner letzten E-Mail an Sie geschrieben hatte: «Ich bin nach wie vor an der Veröffentlichung des Interviews interessiert, in welchem Sie mir selbstverständlich auch alle Fragen stellen dürfen, die Sie möchten.» Ihre Aussage im Text «Das Interview durfte schliesslich nicht gedruckt werden», stimmt so nicht. Es ging lediglich um jene Fassung, die Sie mir zurückgeschickt hatten, in welcher Sie meine Antworten wieder abgeändert haben. Genauso, wie ich respektiere, dass Sie jene Fragen stellen dürfen, die Sie möchten, bestehe ich auch auf meinem Recht, so zu antworten, wie es mir richtig erscheint.

Weiter unterstellen Sie mir, dass ich Angst davor hätte oder es mir «ungeheuer geworden» sei, in der Öffentlichkeit über mein Menschenbild zu sprechen, wenn Sie schreiben: «Eine ungefilterte Fassung davon [des Menschenbilds] wollte er der Leserschaft der BaZ so kurz vor der No-Billag-Abstimmung offenbar nicht zumuten.» Sie wissen selbst ganz genau, dass ich die Bereitschaft hatte, über diese Themen ein Interview zu geben und das auch gemacht habe. Es ging auch nicht darum, irgendetwas zu filtern oder verbergen, sondern darum, sauber zu argumentieren, damit die Leser es nachvollziehen können. In der von Ihnen niedergeschriebenen Version war dies meines Erachtens nicht der Fall. Daher meine Anpassungen.

Ich hatte im persönlichen Gespräch mit Ihnen einen guten Eindruck von Ihnen gewonnen. Umso mehr bin ich enttäuscht, dass Sie mir auf meine Mail nicht mehr geantwortet haben und nun einen Beitrag publiziert haben, der die Ereignisse nicht wahrheitsgemäss darstellt und der wesentliche Fakten einfach weglässt.

Mit freundlichen Grüssen,

Olivier Kessler

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