Ehrrettung des Journalisten

Das von Profiteuren des heutigen Systems vorgebrachte Argument, wonach eine Abschaffung der Billag-Zwangsgebühr das Ende der Billag-finanzierten Medien zur Folge hätte, lässt auf geringes Selbstvertrauen schliessen.6185116443_6e1d19822a_z

Im Januar behandelte die Fernmeldekommission des Ständerates (KVF-S) die Volksinitiative zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren (No-Billag-Initiative). Ihre Entscheidung vertagte sie auf die kommende Sitzung im Februar.

Dass die KVF des Ständerats die «No-Billag»-Initiative nicht abschliessend behandelt hat, macht drei Organisationen der Schweizer Medienschaffenden Syndicom, Impressum und SSM Sorgen. Die Initiative würde «zur Abschaffung der SRG und letztlich auch der privaten Radio/TV-Stationen mit Gebührenanteil führen», prophezeien sie in einer gemeinsamen Mitteilung.

Demütigung durch eigene Interessenvertreter

Das gemeinsame Communiqué der Mediengewerkschaften und Berufsverbände lässt aufhorchen. Dass Vertreter der Billag-finanzierten Medien auf solche Panik- und Untergangs-Szenarien zurückgreifen, erlaubt Aufschluss darüber, was diese Organisationen von ihren eigenen Mitgliedern halten: Nämlich nicht viel. Offenbar sehen die Medien-Organisationen die Medienschaffenden als verängstigte Wesen ohne jegliches Talent, Können und Überzeugungskraft. Man traut denjenigen, welche man vertritt – die Journalisten –, offenbar nicht zu, ein Produkt oder eine Dienstleistung anzubieten, welche von anderen Menschen geschätzt und freiwillig erworben wird.

In anderen Worten: Die Journalisten-Organisationen sind der Meinung, dass die von ihren Mitgliedern erschaffenen Radio- und Fernsehprogramme derart schlecht sind, dass Konsumenten nicht freiwillig dazu bereit sind, für diese zu bezahlen. Ein Affront gegenüber den Journalisten sondergleichen. Wer solche Interessensvertreter hat, braucht in der Tat keine Feinde mehr.

Bislang ist jeglicher Aufstand der Mitglieder gegen diese Beleidigung von Syndicom, Impressum und SSM ausgeblieben. Es stellt sich deshalb die Frage: Haben die Journalisten die Medienmitteilung dieser Organisationen übersehen? Oder teilen sie insgeheim die Auffassung, sie seien unfähige Taugenichtse und dass man deshalb sämtliche Menschen in diesem Land dazu nötigen müsse, ihnen ihre Erzeugnisse abzukaufen?

Medienlandschaft ohne Billag-Zwangsgebühren

Auch wenn mit einer statischen Betrachtungsweise zunächst vielleicht tatsächlich der Eindruck entstehen könnte, nach der Abschaffung der Billag-Zwangsgebühren müssten sämtliche Billag-finanzierten Medienhäuser schliessen, so sprechen triftige Gründe gegen diese realitätsferne Annahme.

Erstens sind die meisten Menschen in der Schweiz wissbegierig und wollen darüber Bescheid wissen, was auf der Welt, in der Schweiz und ihrer Region passiert. Dies bedeutet, es besteht eine Nachfrage nach Informationssendungen und demzufolge auch nach Medienerzeugnissen. Journalisten haben keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen: Viele wollen gut recherchierte Informationen, Analysen und Einordnungen und sind auch bereit, dafür zu bezahlen.

Es stellt sich zweitens die Frage, wie Journalisten sich ihre Brötchen auf dem freien Medienmarkt verdienen können, der nicht durch Billag-Zwangsgebühren verzerrt wird. Möglichkeiten dafür gibt es viele.

Betrachten wir zur Veranschaulichung die SRG: Um das heutige Angebot aufrecht zu erhalten, könnte die SRG beispielsweise ihre Nachrichtensendungen allen in der Schweiz kostenlos zur Verfügung stellen und dies mit entsprechenden Werbeeinnahmen finanzieren. Vergessen wir nicht: Die SRG erzielt heute alleine durch Werbung 300 Millionen Franken pro Jahr. Die Einnahmen für den ganzen Rest, wie beispielsweise Sportübertragungen und Unterhaltungssendungen, könnte die SRG mit dem Verkauf von TV-Bezahlabos einspielen. Das bedeutet, dass sie diese Sendungen verschlüsselt und nur für jene freischalten könnte, welche für die Sendungen auch bezahlt haben.

Das erfolgreiche Unternehmen Netflix macht vor, wie es geht. Ganz ohne Zwangsgebühren behauptet es sich äusserst erfolgreich am Markt und erfreut sich steigender Beliebtheit einer freiwillig zahlenden Kundschaft. Nicht nur eine breite Palette eingekaufter Filme und Serien gibt es dort für nur 11.90 Franken im Monat zu sehen, sondern auch diverse qualitativ hohe Eigenproduktionen.

Ausser dem allenfalls fehlenden Selbstvertrauen und den falschen Fürsprechern im Bundeshaus – beides lässt sich ändern – spricht deshalb nichts dagegen, dass Schweizer Medien sich auch ohne Zwangsgebühren auf dem Markt behaupten können.

Olivier Kessler

Dieser Beitrag erschien in der Basler Zeitung vom 8. Februar 2017.

Bild: https://www.flickr.com/photos/aalborgstift/6185116443/

 

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