Tanz um das Goldene BIP-Kalb

Featured imageSind die fetten Jahre vorbei? Nach fast acht Jahren der wirtschaftlichen Dauerkrise im Westen – Finanzkrise, Verschuldungskrise, Währungskrise – scheint bei vielen die Überzeugung gereift, dass bereits das Halten des heutigen Wohlstandsniveaus ein Erfolg wäre.

Untermauert werden solch pessimistische Annahmen von Mainstreamökonomen wie Thomas Piketty oder Paul Krugman. Die Menschen würden zu viel sparen und zu wenig konsumieren. Deshalb müssten die Zinsen noch weiter heruntermanipuliert, noch mehr Geld gedruckt und die Staatsausgaben erhöht werden, um den Konsum und damit das Bruttoinlandprodukt (BIP) künstlich anzukurbeln.

Sicherlich: Wirtschaftswachstum hilft uns dabei, unseren Lebensstandard zu verbessern. Das BIP ist heute allerdings zu einem regelrechten Fetisch mutiert. Um jeden Preis soll das BIP gesteigert werden, damit Politiker es danach als persönlichen Leistungsausweis präsentieren können. Dabei ist man sich auch nicht zu schade, zu Taschenspielertricks zu greifen: So verweist man etwa zur Begründung der Aufrechterhaltung der Masseneinwanderung auf das BIP-Wachstum in den Jahren der Personenfreizügigkeit. Dass das BIP wächst, wenn immer mehr Menschen im Land leben, ist selbstredend – nur am Lebensstandard des Einzelnen ändert das wenig.

Von der Politik werden zwei Punkte übersehen: Erstens sagt das BIP nicht viel über den Wohlstand einzelner Menschen aus. Schwarzarbeit, Substistenzwirtschaft oder auch unbezahlte Tätigkeiten, die die individuelle Lebensqualität durchaus erhöhen können, werden einfach ausgeblendet.

Zweitens sinken mit zunehmendem wirtschaftlichem Fortschritt tendenziell die Preise, sofern die Nationalbank nicht interveniert. Die IT-Branche ist ein hervorragendes Anschauungsbeispiel: Konnten sich früher nur Reiche Computer und Handys leisten, sind diese heute zu erschwinglichen Massenprodukten geworden. Wenn Preise aber sinken, sinkt auch das BIP, was sofort etatistische BIP-Ankurbler auf den Plan ruft. Sobald Planwirtschafter jedoch damit beginnen, Zinsen herunterzumanipulieren sowie Staatsausgaben zu erhöhen, womit sie Sparer und Steuerzahler enteignen, verfehlen sie das Ziel des «Wohlstands für alle». Wollen wir die Lebensqualität aller erhöhen, muss der Fokus weniger auf Aggregaten wie dem BIP liegen, das durch Umverteilung angekurbelt werden soll, sondern auf der Gewährung von möglichst grosser individueller Freiheit. Denn wo Menschen ihre eigenen Ziele frei verfolgen können, geht es ihnen nachweislich besser.

One comment

  1. BIP: Nicht das Mass aller Masse!

    Die Einsicht, dass die Zahlen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) nur bedingt als Wachstumsindikatoren taugen, ist nicht neu. Eine bekannte Kritik hebt hervor, dass die VGR rein quantitative Grössen erfasst: Eine Wirtschaft, die jährlich zehn Millionen Regenschirme erzeugt, deren Stoff sich nach dem zweiten Regen von den Speichen löst, erscheint nach VGR-Massstab wohlhabender als eine, deren Schirme über Jahre halten und die gerade deshalb weniger von ihnen produziert. Oder: Das Bruttosozialprodukt wächst, wenn die Zahl der pillenschluckenden Kranken zunimmt oder Raubbau an der Umwelt den Aufwand zur Beseitigung der Schäden erhöht.

    So berechtigt diese Kritik ist, sie thematisiert nur einen Teil der Seltsamkeiten. Heutzutage von den Statistikern gezählt und gemessen wird dagegen zu weiten Teilen einfach – nichts. Ein Teil der Unternehmensgewinne entstammt reinen Luftbuchungen. Teils unbewussten, sofern die Konzerne, statt unsinnige Luxusgüter zu produzieren, die die Leute mit niedrigen Löhnen eh nicht kaufen können, mit ihrem Kapital in Aktien, Devisen und Derivaten herumspielen und daraus resultierende Erlöse als Gewinn verbuchen. Teils sehr bewussten, sofern nämlich Konzernbilanzen den wirklichen Unternehmenszustand in etwa so lebensnah widerspiegeln wie Vorabendserien die reale Welt.

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