«Kapitalismus überwinden!»

Im aktuellen Positionspapier «Wirtschaftsdemokratie statt Privateigentum» skizzieren die Jungsozialisten (JUSO) die nächsten Schritte «zur Überwindung des Kapitalismus». Das «Kapital», für viele – nicht nur für Marx – der Inbegriff des Teufels, die Wurzel aller gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme.

Kapital hat wenig mit Geld zu tun. Ebenso wenig handelt es sich um eine Verschwörung von Superreichen. Eugen Böhm von Bawerk definierte «Kapital» als «Produkte, die als Mittel des Gütererwerbs dienen». Nüchtern betrachtet handelt es sich also um einen Produktionsfaktor. Kapital und Kapitalbildung sind die Hauptquellen allen materiellen Wohlstands und Fortschritts. Roland Baader bezeichnet es als «das einzige Mittel, mit dem die Menschheit über den Status von primitiven Höhlenbewohnern und Steinzeit-Horden hinausgelangen konnte – und sich vor einem Rückfall in diesen Zustand bewahren kann.»

Das Kapital eines Bauarbeiters ist seine Schaufel. Damit kann er in acht Stunden anstrengender Arbeit einen 20 cm tiefen Graben von 20 m Länge ausheben. Der Auftraggeber zahlt für den Graben 200 Franken. Würde der Arbeiter bei einer Baufirma (Kapitalist) einen kleinen Bagger für 40 Franken pro Stunde mieten, dann könnte er in der gleichen Zeit fünf gleichwertige Gräben ausheben und nach Abzug der Baggermiete mehr als das Dreifache (680 Franken) verdienen – mit weniger körperlicher Anstrengung. Fazit: Dank dem Kapitalisten und der freiwilligen Kooperation auf dem freien Markt geht es dem Arbeiter und seiner Familie wesentlich besser.

Aber wieso es nicht einmal ohne Kapitalismus versuchen? In den Augen der Überwinder ist der Kapitalist ohnehin nur ein schrecklicher Ausbeuter. Deshalb muss er staatlich gedemütigt und enteignet werden. Alle Bagger sollen von den Staatsführern konfisziert, in ihre Einzelteile zerlegt und diese schliesslich gleichmässig verteilt werden. Mächtige Vertreter der Classe politique errichten dann gerne die nötige Anzahl Gulags für die Umerziehung von Unternehmern zu staatlichen Befehlsempfängern. Die Arbeiter sind dann endlich frei und könnten freudig zu ihren Schaufeln greifen, mit strahlenden Gesichtern einer erschöpfenden Tätigkeit für einen bescheidenen Lohn nachgehen und sich über diesen neuen sozialistischen Luxus freuen. Hauptsache, der Kapitalismus ist überwunden.

Olivier Kessler

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